Hat sich mit der Teilung der Tschechoslowakei vor 15 Jahren auch die kulturelle Identität beider Nationen verändert? Welche Selbstbilder pflegen oder entwerfen Menschen in einem Teil der Welt, der zu Mitteleuropa gehört, bisweilen aber noch immer zu Osteuropa gezählt wird? Die Bezeichnung Ostmitteleuropa hilft über diese Komplikation dürftig hinweg, ist aber völlig ungeeignet als eine gute Antwort auf die Frage, woher oder gar wer man sei. Das Unternehmen kollektiver Selbstbeschreibung verkompliziert sich mit fortschreitender Geschichte. Sind also Geschichten – und nicht Bezeichnungen – eine bessere Antwort auf die Frage?

Wir haben tschechische und slowakische Autoren verschiedener Generationen gebeten, uns eine literarische Antwort auf diese Frage zu geben. Und die Antworten, die wir erhalten haben, sind sehr unterschiedlich. Das ist nicht überraschend. Überraschend ist indessen die Art und Weise, wie die Autorinnen und Autoren in ihren Erzählungen der Frage begegnen. In der vorliegende Ausgabe finden sich daher Texte, die sich zum einen direkt und erinnernd mit der Frage nach der eigenen Identität und ihrer Geschichte auseinandersetzen; zum anderen aber auch solche, die einen indirekten, bisweilen fast allegorischen Zugang zu dem Thema eröffnen.

All die unterschiedlichen Stimmen erzählen ihre eigene Geschichte – die doch eine gemeinsame ist. Übereinstimmungen oder Entsprechungen der Texte untereinander brauchen darum vielleicht nicht zufällig zu sein. Besonders auffällig erscheint die Wiederkehr eines Motivs, das in unterschiedlicher Gestalt alle Texte mehr oder weniger stark bestimmt: die Situation, in irgendeiner Weise unterwegs zu sein – mit dem Bus, zu Fuß oder auf der Suche nach etwas – aber nicht voran oder gar zu spät zu kommen. Ob sich darin nun ein beliebtes Thema zeitgenössischer Literatur widerspiegelt oder ob sich in den Bildern eine spezifische kollektive Stimmungslage bekundet, das kann diese Ausgabe gewiss nicht beantworten. Sie lädt aber dazu ein, darüber nachzudenken.

Katja Barthel & Alexander Friedrich

Editorial

Das Werk von Carlfriedrich Claus läßt sich mit dem Repertoire traditioneller ästhetischer Kategorien kaum verorten. Es bewegt sich neben, zwischen, unter den Grenzen von Schrift, Laut und Bild – es überschreitet und umkreist sie. So läßt sich das Werk auch als Werk kaum begreifen, eher noch als Prozess. Ein Prozess, der sich in seiner grenzüberschreitenden Bewegung dem Zentrum anzunähern sucht, dem er immerzu entspringt: der Sprache.

Wie lässt sich das Gefüge aus Laut und Schrift, wie lässt sich die Sprache selbst verstehen und artikulieren? Was birgt die Sprache jenseits der semantischen, syntaktischen, phonetischen Felder, die, zumeist unmerklich geworden, unsere Rede leiten? Welcher Grund veranlasst überhaupt zum Gebrauch einer Sprache, wie auch zu ihrem Vernehmen? Und was wird vernehmbar, wenn wir auf die vertrauten sprachlichen Netze verzichten? Was spinnt sich dann neu zusammen? Was fängt sich darin? Was kann darin anfangen? – Die Suche nach einer Antwort darauf führt unweigerlich an Grenzen, neu zu entdeckende wie erneut zu überschreitende: wieder in den Prozess, der dem Zentrum nur näherkommt, indem er sich von ihm entfernt.

Im Gedenken an Carlfriedrich Claus folgt comma dieser Spur. In der Sonderausgabe Ko-Artikulationen finden sich Beiträge junger sowie erfahrener Autoren und Künstler versammelt, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen virtueller und experimenteller Poesie auseinandersetzen. Bei der Auswahl der Texte ließen wir uns von einer Frage leiten, die Carlfriedrich Claus einmal so formulierte: „Läßt sich ein durchgehender, nichtlinearer Lese-Prozeß aus Lese-Prozessen, deren jeder au fond autonom verläuft, anregen? Also experimentelles, kombinatorisches Lesen, das mit dem Schluß des Buches nicht endet.“ Darum ist diese Ausgabe auch kein Heft, schon gar kein Buch, sondern eine Mappe. Die Transparenz des Papiers soll den Möglichkeitsspielraum des kombinatorischen Lesens erweitern. Am Untergrund eines jeden Textträgers flüstert immer schon der Nächste. Weil jedoch die Schrift nicht das Zentrum ist, muss das Nadel-Öhr zur gesprochenen Sprache weiter aufgespannt, müssen die Ohrengänge bewandert werden. Wir haben daher einen Tonträger zusammengestellt, um den Weg zu entschränken, den das Geflecht der verborgenen Korrespondenzen auch ins Akustische nimmt. So steht jeder Beitrag für sich, in diesem Zusammenhang aber auch als eine Aufmerksamkeit, die dem Vermächtnis des Künstlers Carlfriedrich Claus gewidmet ist.

In diesem und in dem Sinne des Lesers wünschen wir grenzenloses Vergnügen beim Lesen und Lauschen, anregende und erregende Momente, Besinnung, und einen Augenblick winzigen Schreckens auch.

Katja Barthel & Alexander Friedrich