Kunst


Der Film und seine Entstehung

Die Poetryfilm-Projekt Fische im Sand umfasst neun Kurzfilme, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln das Titelthema interpretieren. Verschiedene Kurzfilme in einem thematischen Rahmen zu versammeln, ist nicht neu. Ten Minutes Older oder 99-Euro-Films sind hier Beispiele aus den letzten Jahren. Im Bereich Poetryfilm, einer an sich sehr jungen Richtung in der Medienkunst, ist dies bisher einmalig. Fische im Sand ist die erste abendfüllende Kurzfilmrolle, bei der sich Lyriker und Lyrikerinnen unter einem vorab ausgewählten Thema zusammenfinden. Der Filmtitel steht dabei als Metapher für neun höchst unterschiedliche Kurzfilme über Liebe, Einsamkeit und Fremde, über die Suche nach dem richtigen Platz im Leben, über Gefühle und Gedanken, die zwischen Gesagtem durchscheinen können. Fische im Sand ist aber auch ein spannendes Filmexperiment, das durch die teilweise gegensätzliche Bebilderung der literarischen Stoffe gewinnt.

Die Autoren und Autorinnen wurden aufgefordert, lyrische Texte zum vorgegebenen Thema zu verfassen. Dieser Prozess begann im Herbst 2005 und zog sich bis zum März 2006 hin. Nach der redaktionellen Auswahl der Texte seitens der Initiatoren war es den Autoren und Autorinnen weitgehend unmöglich, auf die Filmemacher und deren Intention zum literarischen Stoff einzuwirken. Die Betrachtung und Interpretation eines Gedichts, einer Geschichte oder Romans hängt immer auch vom Verständnis des Lesers ab, in diesem Fall also des jeweiligen Regisseurs. So entstanden zum vorgegebenen Thema eine Vielzahl kreativer Sichtweisen, die durch die Schauspieler, Sprecher, Musiker bis hin zu Ton- oder Kameraleuten multipliziert wurden.

Die Beteiligten

  • Die Autoren und Autorinnen

Die Auswahl der Autoren und Autorinnen oblag der Redaktion des Literaturmagazins comma. Hierbei stützten diese sich natürlich auf ihre Erfahrungen und Kontakte aus dreizehn comma-Ausgaben. Dass alle Beteiligten ihren Lebensmittelpunkt in Chemnitz, Dresden oder Leipzig haben, ist insofern kein Zufall und unterstreicht die Qualität der hier entstehenden Lyrik.

Carl Christian Elze, 1974 in Berlin geboren, lebt in Leipzig. Zunächst studierte er Medizin, Germanistik und Biologie und arbeitete in verschiedenen zoologischen Gärten. Er ist Mitherausgeber und Redakteur der Leipziger Literaturzeitschrift plumbum – texte in blei auf papier. Seit 2004 studiert er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig Lyrik und Prosa. Carl-Christian Elze war Endrundenteilnehmer beim Open Mike 2005 und erhielt den 1. Preis beim Irseer Pegasus 2006. Seine Gedichte und Prosawerke wurden in zahlreichen Zeitschriften veröffentlicht, 2004 erschien sein erster Gedichtband feucht das fell verstreut. Er umfasst 66 Gedichte und setzt sich aus drei Teilen (Zoozeit / Trau dich Kitsch, mein Herz / Traumgottschafott) mit jeweils 22 Gedichten zusammen. Der Gedichtband stadt/ land/ stopp erschien im März 2006 im Mitteldeutschen Verlag, Halle.

Mara Genschel, 1982 in Bonn geboren, studierte zunächst Musikwissenschaft in Köln und bis 2004 Schulmusik (Hauptfach Violine) an der Hochschule für Musik in Detmold. Seit April 2004 Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig mit Hauptfach Lyrik und Nebenfächern Prosa und Dramatik/Neue Medien. Ihre Gedichte wurden in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, seit 2006 kümmert sie sich beim Leipziger Uniradio Mephisto um interessante Hörspielbeiträge.

Jan Kummer wurde 1965 geboren und ist freischaffender Künstler und Autor. Er wohnt in Chemnitz und war früher Mitglied des Künstlerkollektivs AG Geige, aus dieser Zeit stammen zahlreiche CD-, Kassetten- und Plattenveröffentlichungen, sowie die Buchveröffentlichung Von Fröschen und Träumen, die allerdings leider schon vergriffen ist. Neben seiner regen Ausstellungstätigkeit (GalerieBorssenanger) tritt er als Konzertveranstalter, Schallplattenunterhalter und Radiomoderator in Erscheinung. Neben dem Gedicht Stadt-Fisch ist er bei Fische im Sand auch als Hauptdarsteller in Olaf Helds Film Schicht, Engelbertstrasse zu sehen.

Norbert Lange wurde 1978 in Gdingen/Polen geboren, wuchs im Rheinland auf und studierte später Philosophie und Kunstgeschichte an der FU Berlin. Seit 2002 ist er Student am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er veröffentlichte in verschiedenen Literaturzeitschriften und produzierte den Poetryfilm Die Ameise ist ein homerischer Held auf Reisen. Auch Libretti, Chor- und Liedtexte gehören zu seinem Werk, so u.a. für die Kurzoper Informationen über Bartleby von Benjamin Schweitzer. 2005 erschien sein Gedichtband Rauhfasern. 2006 war er Stipendiat im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf.

Marcel Liebing wurde 1975 in Lichtenstein/Sachsen geboren und lebt seit 2007 in Leipzig. Bis 2000 absolvierte er ein Studium zum Diplom-Medientechniker an der FH Mittweida und arbeitet seither selbständig als Webprogrammierer und Gestalter in der Werbebranche, u.a. für das Stadtmagazin 371. Seine Leidenschaft gilt neben dem Dichten der Musik, ganz besonders seiner mittlerweile über 10-jährigen Post-Grunge-Band mirromoon, mit der er sich seit 2003 auf einer musikalischen Reise zum Pluto befindet.

Marlen Pelny, 1981 in Nordhausen geboren, lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin als freischaffende Musikerin. Seit 2002 hat sie mit ihrem Bandprojekt sonntags zwei CDs veröffentlicht. Sie ist Mitgründerin des Literaturprojektes augen::post und steht seit 2001 gemeinsam mit Ulrike A. Sandig mit einem aus der augen::post entstandenen Lesekonzertprogramm auf der Bühne. 2006 wurde dieses in Auszügen als Hörbuch unter dem Titel der tag, an dem alma kamillen kaufte veröffentlicht. Ihre Lyrik wurde in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Im Frühjahr 2007 erschien in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Edition Wörtersee, ihr literarisches Debüt Auftakt.

Lars Reyer, geboren 1977 in Werdau, studierte Philosophie, Anglistik und Ethnologie in Münster. Im Anschluss begann er ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, das er 2006 erfolgreich abschloss. Seine Gedichte wurden überaus zahlreich in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, u. a. in den Jahrbüchern der Lyrik 2006 und 2007. Lars Reyer war Endrundenteilnehmer beim Open Mike 2004. 2006 erschien sein Lyrikdebüt Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht (Lyrikedition 2000).

Ulrike Almut Sandig, 1979 in Grossenhain geboren, schloss nach längeren Aufenthalten in Frankreich und Indien ein Studium der Religionswissenschaft und Indologie an der Universität Leipzig ab; seit 2004 studiert sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt: Jahrbuch der Lyrik 07, Tippgemeinschaft 06; Nachdenken über Leipzig). Sie ist Mitgründerin des Literaturprojektes augen::post (2001–2005), gemeinsam mit Marlen Pelny steht sie seit 2001 mit einem literarisch-musikalischen Programm auf der Bühne, welches 2006 in Auszügen als Hörbuch unter dem Titel der tag, an dem alma kamillen kaufte erschien. 2005 erschien ihr erster Gedichtband Zunder, 2007 der zweite Streumen (beide Connewitzer Verlagsbuchhandlung), 2006 gewann sie den Preis der Lyriktage Meran und den kleinen Hertha-Koenig-Preis.

Volker Sielaff wurde 1966 in der Lausitz geboren und lebt als Autor und freier Kulturjournalist in Dresden. Seit 1990 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Kritiken in renommierten Literaturzeitschriften (u.a. manuskripte, Diwan und Sprache im technischen Zeitalter), Anthologien (u.a. Jahrbuch der Lyrik 2002) und Tageszeitungen (u.a. Tagesspiegel und Frankfurter Rundschau). Er schreibt für die NZ-Lyrik-Anthologie. Seine Gedichte wurden ins Englische, Tschechische, Ungarische und Arabische übersetzt. Im Herbst 2003 erschien im Verlag zu Klampen der Gedichtband Postkarte für Nofretete. Weiter Informationen finden sich auf seiner Homepage.

  • Die Filmemacher

Die Auswahl der Filmemacher oblag den Mitgliedern der Chemnitzer Filmwerkstatt und setzt sich weitgehend aus deren Umfeld zusammen. Das heißt, dass bis auf eine Ausnahme alle Beteiligten stark mit der Chemnitzer Filmszene verbunden sind.

Thomas Beckmann wurde 1981 in Chemnitz geboren und entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Filmkamera. Seit Ende der neunziger Jahre führte er bei mehr als zwei Dutzend Kurz- und Langfilmen die Kamera, 2003 begann er ein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Für den Dokumentarfilm Gherdeal über ein Dorf im rumänischen Siebenbürgen erhielt er 2003 gemeinsam mit Martin Nudow den Sonderpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. 2006 wurde ihm gemeinsam mit Stefan Ludwig für Geliebte Stimmen der Dokumentarfilmpreis der ZeLIG /4 Filmfestival 2006 in Bozen/Italien verliehen.

Peter Fröhlich wurde 1969 in Chemnitz geboren und lebt in Berlin. Nach Jobs als Kellner und Taxifahrer arbeitet er nun seit vielen Jahren als freischaffender Journalist für Zeitschriften und zahlreiche Fernsehsender. Hier sammelte er auch erste Erfahrungen mit dem Medium Film, 2004 produzierte er seinen Kurzfilm on the way to the club, der beim Britspotting-Festival lief.

Matthias Gabriel wurde 1969 in Potsdam geboren. 1993 erste Videoarbeiten, u.a. für Bands, den Offenen Kanal Berlin, das Bauhaus in Dessau, 1996 per Quereinstieg zunächst Regieassistent bei einer Fernsehproduktionsfirma, heute arbeitet Matthias Gabriel als freier Autor und Redakteur im Auftrag und direkt für rbb und MDR, die ARD und RTL. Hauptschwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich Unterhaltung sowie der Reportage und Dokumentation. Seit 2000 produziert er auch eigene Kurzspielfilme, Dokumentationen und Imagevideos, bei denen er auch die Filmmusiken komponiert. Daneben immer wieder fotografische Arbeiten und Texte

Carsten Gebhardt wurde 1962 in Zwickau geboren und lebt in Chemnitz. Er arbeitet als freier Film- und Theaterregisseur. Ende der Achtziger sammelte er am Chemnitzer Schauspielhaus erste Regie-Erfahrungen u.a. als Assistent von Frank Castorf. Von 1994 an wirkte er innerhalb des Kulturprojekts Voxxx als Theaterregisseur, 2003 inszenierte er am Staatstheater Kassel das Stück Tiny Dynamite der walisischen Autorin Abi Morgan. Er drehte Videofilme für verschiedene Theaterinszenierungen u.a. am Schauspielhaus Chemnitz und dem Deutschen Theater Berlin (unter der Regie von Michael Thalheimer). Seit 1997 war er mit seinen Filmen auf internationalen Filmfestivals in Deutschland, Schottland, Italien, Japan, Frankreich und Tunesien vertreten. 2005 hatte sein viel beachteter Spielfilm Wochentage Premiere.

Olaf Held, Jahrgang 1970, lebt in Chemnitz und Potsdam. Nach unterschiedlichsten Arbeitserfahrungen, von Werkzeugmacher über Reiseverkehrskaufmann bis Medienpädagoge, studiert er nun Drehbuch und Dramaturgie an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Babelsberg. Als Filmemacher und Autor verfasste er zahlreiche Kurzgeschichten und produzierte 2006 der Kurzfilm Duell in Griesbach. Mehr Informationen auf myspace.

Beate Kunath arbeitet seit Mitte der neunziger Jahre im Bereich Video, Foto und Film. Ihre Video- und Filmprojekte wurden mehrfach international ausgezeichnet, so u.a. für Forbidden Fruit (2001) mit dem Preis der Teddy-Jury der 51. Internationalen Filmfestspiele Berlin, beim 15. Internationalen Lesbisch-Schwulen Filmfestivals in Mailand und dem Femmedia-Preis beim Queer Film Festival Wien. Neben der eigenen Film- und Ausstellungstätigkeit kuratiert sie regelmäßig Ausstellungen für junge Fotokünstler und arbeitete erfolgreich für Projekte des europäischen Jugendaustauschs. Beate Kunath ist Jahrgang 1967, sie lebt in Chemnitz und ist dort Mitbetreiberin von zwei gastronomischen Einrichtungen. Mehr Informationen auf ihrer Homepage.

Patrizia Monzani wurde 1976 in Italien geboren. Sie studierte Filmwissenschaft und Filmgeschichte in Bologna und Paris. Bereits während des Studiums hat sie bei verschiedenen Filmfestivals mitgearbeitet, in Paris sammelte sie Erfahrungen als Schnitt- und Regie-Assistentin. Mit der Unterstützung des von der Europäischen Union angebotenen EVS-Programms zog sie 2002 nach Chemnitz, wo sie gemeinsam mit der Chemnitzer Filmwerkstatt verschiedene Kurzfilme drehte. Aktuell lebt sie in Berlin, wo sie an mehrere Filmprojekten mitgearbeitet hat und das mehrsprachige Kunstmagazin Gedanken-strich organisierte und veröffentlichte. Ihre Verfilmung des Gedichts Stadt-Fisch ist auf Youtube zu sehen.

Hendrik Reichel wurde 1978 in Chemnitz geboren und studiert seit 2005 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin das Fach Kamera. Von 2001 bis 2005 war er in der Chemnitzer Filmwerkstatt angestellt. Seine Filmografie weist mehr als dreißig Kurz- und Dokumentarfilme auf, bei denen er neben der Kameraarbeit oft auch als Drehbuchautor und Regisseur in Erscheinung trat.

Uwe Schaarschmidt tritt seit Anfang der neunziger Jahre als Autor und Filmemacher in Erscheinung. Seit 1993 entstanden mehrere Kurzfilme, aus seinem 2003 produzierten Film Letzte Worte adaptierte er 2006 das gleichnamige Theaterstück. Als Autor debütierte er 2003 mit dem Roman Haltestelle, 2006 folgte der Roman Silberhaar (beide Alligator-Verlag, Chemnitz). Uwe Schaarschmidt ist Jahrgang 1967 und lebt und arbeitet in Chemnitz.

  • Die Darsteller & Sprecher

Das Budget pro Film betrug lediglich 900 Euro. Das bedeutete ein hohes Maß an freiwilliger und unentgeltlicher Mitarbeit, sowohl im technischen als auch im kreativen Bereich. Trotzdem gelang es, namenhafte Schauspieler und Sprecher für das Filmprojekt zu gewinnen. So wirken Ensemblemitglieder verschiedener deutscher Theater von Hamburg bis Berlin mit, vom Chemnitzer Schauspielhaus z.B. Carola Sigg, Sabine Fürst und Stefan Wancura, weiterhin der bekannte Film- und Theaterschauspieler Peter Moltzen (Thalia-Theater Hamburg) und die Leipziger Schauspiel-Legende Christa Gottschalk.

Unter den Laiendarstellern sind wohl zwei Namen hervorzuheben. Zum einen der Chemnitzer Künstler Jan Kummer, der sowohl als Schauspieler als auch als Autor im Film vertreten ist, und Eberhard Geick, der zu den wichtigsten Kameramännern in Deutschland gehört und u.a. mit Frank Beyer und Konrad Wolf arbeitete. Zu seinen herausragenden Kameraarbeiten gehört zweifellos der DEFA Klassiker Solo Sunny. Heute ist Geick Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und stand seinem Schüler Hendrik Reichel als Darsteller in dessen Film Grobkorn sein zur Seite.

  • Musik

Die Komposition der Titelmusik sowie der kurzen Zwischenstücke übernahm die Chemnitzer Instrumentalband Radar.

  • Initiatoren

Fische im Sand ist eine Gemeinschaftsproduktion der Chemnitzer Filmwerkstatt e.V. und des Chemnitzer Literaturmagazins comma, herausgegeben vom Verein zur Förderung zeitgenössischer Literatur, Kunst & Philosophie e.V.

Das Medium Poetryfilm

Der Poetryfilm ist eine Form der Medienkunst, die sich sowohl in der Literatur als neue Vermittlungsform von Poesie und Dichtung etabliert hat, als auch im Filmgenre als eigenständige Kunstform innerhalb der Kurzfilmszene große Aufmerksamkeit findet. Die Ursprünge liegen in den 50er und 60er Jahren, als amerikanische Beatpoeten wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg ihre Gedichte vor laufender Kamera rezitierten und später auch in kleinere Handlungsstränge einbanden. Mit Beginn des Videozeitalters wurde der Poetryfilm mehr und mehr zum eigenständigen Genre, seit Ende der neunziger Jahre erlebt er weltweit einen regelrechten Boom. Die Medien Kurzfilm, Videoclip, Animationsfilm verschmelzen hier mit Poesie und Dichtung zu einem künstlerischen Produkt. Grundlage ist das Gedicht – also der kurze poetische Text, dessen Inhalte, Ausdrücke und Assoziationen bebildert werden. Mit dem Film Poem von Ralf Schmerberg kam das Format 2001 in die Kinos und wurde publik. Seitdem findet diese Kunstform immer mehr Aktivisten und Anhänger und hat seit 2002 ein eigenes Festival namens Zebra Poetry Film Award, das mit 5000 Besuchern die Aufmerksamkeit vieler Kulturinteressierter geweckt hat. Dieses Filmfestival findet aller zwei Jahre in Berlin statt.

Kontakt

Verein zur Förderung zeitgenössischer Literatur, Kunst & Philosophie e.V.
Lars Neuenfeld

e-mail: info(at)comma-magazin.de
internet: fische-im-sand.de

Cover

Die comma.edition: Ko-Artikulationen ist eine Sonderausgabe anlässlich der Ausstellung „Schrift. Zeichen. Geste. Carlfriedrich Claus im Kontext von Klee bis Pollock“ in den Kunstsammlungen Chemnitz. Das Werk von Carlfriedrich Claus ( 1930-1998 ) lässt sich mit dem Repertoire traditioneller ästhetischer Kategorien kaum verorten. Es bewegt sich neben, zwischen, unter den Grenzen von Schrift, Laut und Bild – es überschreitet und umkreist sie.

Die auf 80 Stück limitierte Sonderausgabe Ko-Artikulationen enthält Arbeiten zeitgenössischer Autoren und Künstler, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen virtueller und experimenteller Poesie auf ihre ganz eigene Weise auseinandersetzen, um dem Werk von Carlfriedrich Claus näher zu kommen.

Die Arbeiten sind auf Transparentpapier gedruckt, die – zusammen mit einer Audio-CD – ungeheftet in einer genähten Mappe zusammengestellt wurden. Das Material ist einerseits eine Reminiszenz an die faszinierenden Arbeiten des Ausnahmekünstlers. Anderseits soll es gestalterisch den Ansatz aufnehmen, den Claus mit der konkreten Poesie teilte. Das transparente Papier erweitert den Möglichkeitsspielraum des kombinatorischen Lesens: Durch jeden Text hindurch erscheinen schon die Worte des nächsten. Über die Materialität der Schrift können sich so mehrdimensionale Bezüge zwischen den Texten ergeben.

Zusätzlich enthält jede Exemplar 2 Reproduktionen von insgesamt 9 Fotographien des Künstlers, die auf die gesamte Ausgabe verteilt wurden.

Die Ausgabe wurde unterstützt vom Kunst für Chemnitz e.V. und der Stiftung Carlfriedrich Claus-Archiv, Kunstsammlungen Chemnitz. Die einmalige Auflage ist inzwischen vergriffen.

Herausgeber: Verein zur Förderung zeitgenössischer Literatur, Kunst und Philosophie e.V.
Konzeption und Redaktion: Katja Barthel, Alexander Friedrich
Satz & Layout: Randy Fischer
Fotos: berg + meer FROSCH, Hilmar Messenbrink 1993
September 2005

Inhalt


Alexander Friedrich, Katja Barthel: Editorial

  • Text- und Bildbeiträge

Brigitta Milde: Ausstellung Schrift. Zeichen. Geste. in den Kunstsammlungen Chemnitz (anläßlich des 75. Geburtstags von Carlfriedrich Claus)

Anatol Knotek: Was ist Kunst?

Benjamin Rischer: verfluchung II

Friedrich W. Block: poetry chat

Jan Scholz: D-mut | Das aktionsbegleitende begreifen

Anatol Knotek: jean michel basquiat

Andrea Scherf: „Wer ist im Moment ich?“ – Gedanken beim Anblick eines Sprachblatts von Carlfriedrich Claus

Frank Maibier: wortflussflechtung – für cfc. – zweiteilig-zweiblatt (420 x 297mm)

Johannes Auer / Frieder Rusmann: lautaggregat

Benjamin Rischer: die suchscheinwerfer

Nicolas Nowack: Venezianische Seufzer – Gedichte für Phantominen (mit Brücke) | Wäre die 1. Zeile

  • Hörbeiträge

Benjamin Rischer, Martin Krejci: die suchscheinwerfer (6:06)

Günter Peters: Le Son (16:59)

Frank Maibier: Strömende Folgen (13:10)

Editorial

Das Werk von Carlfriedrich Claus läßt sich mit dem Repertoire traditioneller ästhetischer Kategorien kaum verorten. Es bewegt sich neben, zwischen, unter den Grenzen von Schrift, Laut und Bild – es überschreitet und umkreist sie. So läßt sich das Werk auch als Werk kaum begreifen, eher noch als Prozess. Ein Prozess, der sich in seiner grenzüberschreitenden Bewegung dem Zentrum anzunähern sucht, dem er immerzu entspringt: der Sprache.

Wie lässt sich das Gefüge aus Laut und Schrift, wie lässt sich die Sprache selbst verstehen und artikulieren? Was birgt die Sprache jenseits der semantischen, syntaktischen, phonetischen Felder, die, zumeist unmerklich geworden, unsere Rede leiten? Welcher Grund veranlasst überhaupt zum Gebrauch einer Sprache, wie auch zu ihrem Vernehmen? Und was wird vernehmbar, wenn wir auf die vertrauten sprachlichen Netze verzichten? Was spinnt sich dann neu zusammen? Was fängt sich darin? Was kann darin anfangen? – Die Suche nach einer Antwort darauf führt unweigerlich an Grenzen, neu zu entdeckende wie erneut zu überschreitende: wieder in den Prozess, der dem Zentrum nur näherkommt, indem er sich von ihm entfernt.

Im Gedenken an Carlfriedrich Claus folgt comma dieser Spur. In der Sonderausgabe Ko-Artikulationen finden sich Beiträge junger sowie erfahrener Autoren und Künstler versammelt, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen virtueller und experimenteller Poesie auseinandersetzen. Bei der Auswahl der Texte ließen wir uns von einer Frage leiten, die Carlfriedrich Claus einmal so formulierte: „Läßt sich ein durchgehender, nichtlinearer Lese-Prozeß aus Lese-Prozessen, deren jeder au fond autonom verläuft, anregen? Also experimentelles, kombinatorisches Lesen, das mit dem Schluß des Buches nicht endet.“ Darum ist diese Ausgabe auch kein Heft, schon gar kein Buch, sondern eine Mappe. Die Transparenz des Papiers soll den Möglichkeitsspielraum des kombinatorischen Lesens erweitern. Am Untergrund eines jeden Textträgers flüstert immer schon der Nächste. Weil jedoch die Schrift nicht das Zentrum ist, muss das Nadel-Öhr zur gesprochenen Sprache weiter aufgespannt, müssen die Ohrengänge bewandert werden. Wir haben daher einen Tonträger zusammengestellt, um den Weg zu entschränken, den das Geflecht der verborgenen Korrespondenzen auch ins Akustische nimmt. So steht jeder Beitrag für sich, in diesem Zusammenhang aber auch als eine Aufmerksamkeit, die dem Vermächtnis des Künstlers Carlfriedrich Claus gewidmet ist.

In diesem und in dem Sinne des Lesers wünschen wir grenzenloses Vergnügen beim Lesen und Lauschen, anregende und erregende Momente, Besinnung, und einen Augenblick winzigen Schreckens auch.

Katja Barthel & Alexander Friedrich