Hat sich mit der Teilung der Tschechoslowakei vor 15 Jahren auch die kulturelle Identität beider Nationen verändert? Welche Selbstbilder pflegen oder entwerfen Menschen in einem Teil der Welt, der zu Mitteleuropa gehört, bisweilen aber noch immer zu Osteuropa gezählt wird? Die Bezeichnung Ostmitteleuropa hilft über diese Komplikation dürftig hinweg, ist aber völlig ungeeignet als eine gute Antwort auf die Frage, woher oder gar wer man sei. Das Unternehmen kollektiver Selbstbeschreibung verkompliziert sich mit fortschreitender Geschichte. Sind also Geschichten – und nicht Bezeichnungen – eine bessere Antwort auf die Frage?

Wir haben tschechische und slowakische Autoren verschiedener Generationen gebeten, uns eine literarische Antwort auf diese Frage zu geben. Und die Antworten, die wir erhalten haben, sind sehr unterschiedlich. Das ist nicht überraschend. Überraschend ist indessen die Art und Weise, wie die Autorinnen und Autoren in ihren Erzählungen der Frage begegnen. In der vorliegende Ausgabe finden sich daher Texte, die sich zum einen direkt und erinnernd mit der Frage nach der eigenen Identität und ihrer Geschichte auseinandersetzen; zum anderen aber auch solche, die einen indirekten, bisweilen fast allegorischen Zugang zu dem Thema eröffnen.

All die unterschiedlichen Stimmen erzählen ihre eigene Geschichte – die doch eine gemeinsame ist. Übereinstimmungen oder Entsprechungen der Texte untereinander brauchen darum vielleicht nicht zufällig zu sein. Besonders auffällig erscheint die Wiederkehr eines Motivs, das in unterschiedlicher Gestalt alle Texte mehr oder weniger stark bestimmt: die Situation, in irgendeiner Weise unterwegs zu sein – mit dem Bus, zu Fuß oder auf der Suche nach etwas – aber nicht voran oder gar zu spät zu kommen. Ob sich darin nun ein beliebtes Thema zeitgenössischer Literatur widerspiegelt oder ob sich in den Bildern eine spezifische kollektive Stimmungslage bekundet, das kann diese Ausgabe gewiss nicht beantworten. Sie lädt aber dazu ein, darüber nachzudenken.

Katja Barthel & Alexander Friedrich

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