Editorial

Das Werk von Carlfriedrich Claus läßt sich mit dem Repertoire traditioneller ästhetischer Kategorien kaum verorten. Es bewegt sich neben, zwischen, unter den Grenzen von Schrift, Laut und Bild – es überschreitet und umkreist sie. So läßt sich das Werk auch als Werk kaum begreifen, eher noch als Prozess. Ein Prozess, der sich in seiner grenzüberschreitenden Bewegung dem Zentrum anzunähern sucht, dem er immerzu entspringt: der Sprache.

Wie lässt sich das Gefüge aus Laut und Schrift, wie lässt sich die Sprache selbst verstehen und artikulieren? Was birgt die Sprache jenseits der semantischen, syntaktischen, phonetischen Felder, die, zumeist unmerklich geworden, unsere Rede leiten? Welcher Grund veranlasst überhaupt zum Gebrauch einer Sprache, wie auch zu ihrem Vernehmen? Und was wird vernehmbar, wenn wir auf die vertrauten sprachlichen Netze verzichten? Was spinnt sich dann neu zusammen? Was fängt sich darin? Was kann darin anfangen? – Die Suche nach einer Antwort darauf führt unweigerlich an Grenzen, neu zu entdeckende wie erneut zu überschreitende: wieder in den Prozess, der dem Zentrum nur näherkommt, indem er sich von ihm entfernt.

Im Gedenken an Carlfriedrich Claus folgt comma dieser Spur. In der Sonderausgabe Ko-Artikulationen finden sich Beiträge junger sowie erfahrener Autoren und Künstler versammelt, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen virtueller und experimenteller Poesie auseinandersetzen. Bei der Auswahl der Texte ließen wir uns von einer Frage leiten, die Carlfriedrich Claus einmal so formulierte: „Läßt sich ein durchgehender, nichtlinearer Lese-Prozeß aus Lese-Prozessen, deren jeder au fond autonom verläuft, anregen? Also experimentelles, kombinatorisches Lesen, das mit dem Schluß des Buches nicht endet.“ Darum ist diese Ausgabe auch kein Heft, schon gar kein Buch, sondern eine Mappe. Die Transparenz des Papiers soll den Möglichkeitsspielraum des kombinatorischen Lesens erweitern. Am Untergrund eines jeden Textträgers flüstert immer schon der Nächste. Weil jedoch die Schrift nicht das Zentrum ist, muss das Nadel-Öhr zur gesprochenen Sprache weiter aufgespannt, müssen die Ohrengänge bewandert werden. Wir haben daher einen Tonträger zusammengestellt, um den Weg zu entschränken, den das Geflecht der verborgenen Korrespondenzen auch ins Akustische nimmt. So steht jeder Beitrag für sich, in diesem Zusammenhang aber auch als eine Aufmerksamkeit, die dem Vermächtnis des Künstlers Carlfriedrich Claus gewidmet ist.

In diesem und in dem Sinne des Lesers wünschen wir grenzenloses Vergnügen beim Lesen und Lauschen, anregende und erregende Momente, Besinnung, und einen Augenblick winzigen Schreckens auch.

Katja Barthel & Alexander Friedrich

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