September 2005


Cover

Die comma.edition: Ko-Artikulationen ist eine Sonderausgabe anlässlich der Ausstellung „Schrift. Zeichen. Geste. Carlfriedrich Claus im Kontext von Klee bis Pollock“ in den Kunstsammlungen Chemnitz. Das Werk von Carlfriedrich Claus ( 1930-1998 ) lässt sich mit dem Repertoire traditioneller ästhetischer Kategorien kaum verorten. Es bewegt sich neben, zwischen, unter den Grenzen von Schrift, Laut und Bild – es überschreitet und umkreist sie.

Die auf 80 Stück limitierte Sonderausgabe Ko-Artikulationen enthält Arbeiten zeitgenössischer Autoren und Künstler, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen virtueller und experimenteller Poesie auf ihre ganz eigene Weise auseinandersetzen, um dem Werk von Carlfriedrich Claus näher zu kommen.

Die Arbeiten sind auf Transparentpapier gedruckt, die – zusammen mit einer Audio-CD – ungeheftet in einer genähten Mappe zusammengestellt wurden. Das Material ist einerseits eine Reminiszenz an die faszinierenden Arbeiten des Ausnahmekünstlers. Anderseits soll es gestalterisch den Ansatz aufnehmen, den Claus mit der konkreten Poesie teilte. Das transparente Papier erweitert den Möglichkeitsspielraum des kombinatorischen Lesens: Durch jeden Text hindurch erscheinen schon die Worte des nächsten. Über die Materialität der Schrift können sich so mehrdimensionale Bezüge zwischen den Texten ergeben.

Zusätzlich enthält jede Exemplar 2 Reproduktionen von insgesamt 9 Fotographien des Künstlers, die auf die gesamte Ausgabe verteilt wurden.

Die Ausgabe wurde unterstützt vom Kunst für Chemnitz e.V. und der Stiftung Carlfriedrich Claus-Archiv, Kunstsammlungen Chemnitz. Die einmalige Auflage ist inzwischen vergriffen.

Herausgeber: Verein zur Förderung zeitgenössischer Literatur, Kunst und Philosophie e.V.
Konzeption und Redaktion: Katja Barthel, Alexander Friedrich
Satz & Layout: Randy Fischer
Fotos: berg + meer FROSCH, Hilmar Messenbrink 1993
September 2005

Inhalt


Alexander Friedrich, Katja Barthel: Editorial

  • Text- und Bildbeiträge

Brigitta Milde: Ausstellung Schrift. Zeichen. Geste. in den Kunstsammlungen Chemnitz (anläßlich des 75. Geburtstags von Carlfriedrich Claus)

Anatol Knotek: Was ist Kunst?

Benjamin Rischer: verfluchung II

Friedrich W. Block: poetry chat

Jan Scholz: D-mut | Das aktionsbegleitende begreifen

Anatol Knotek: jean michel basquiat

Andrea Scherf: „Wer ist im Moment ich?“ – Gedanken beim Anblick eines Sprachblatts von Carlfriedrich Claus

Frank Maibier: wortflussflechtung – für cfc. – zweiteilig-zweiblatt (420 x 297mm)

Johannes Auer / Frieder Rusmann: lautaggregat

Benjamin Rischer: die suchscheinwerfer

Nicolas Nowack: Venezianische Seufzer – Gedichte für Phantominen (mit Brücke) | Wäre die 1. Zeile

  • Hörbeiträge

Benjamin Rischer, Martin Krejci: die suchscheinwerfer (6:06)

Günter Peters: Le Son (16:59)

Frank Maibier: Strömende Folgen (13:10)

Editorial

Das Werk von Carlfriedrich Claus läßt sich mit dem Repertoire traditioneller ästhetischer Kategorien kaum verorten. Es bewegt sich neben, zwischen, unter den Grenzen von Schrift, Laut und Bild – es überschreitet und umkreist sie. So läßt sich das Werk auch als Werk kaum begreifen, eher noch als Prozess. Ein Prozess, der sich in seiner grenzüberschreitenden Bewegung dem Zentrum anzunähern sucht, dem er immerzu entspringt: der Sprache.

Wie lässt sich das Gefüge aus Laut und Schrift, wie lässt sich die Sprache selbst verstehen und artikulieren? Was birgt die Sprache jenseits der semantischen, syntaktischen, phonetischen Felder, die, zumeist unmerklich geworden, unsere Rede leiten? Welcher Grund veranlasst überhaupt zum Gebrauch einer Sprache, wie auch zu ihrem Vernehmen? Und was wird vernehmbar, wenn wir auf die vertrauten sprachlichen Netze verzichten? Was spinnt sich dann neu zusammen? Was fängt sich darin? Was kann darin anfangen? – Die Suche nach einer Antwort darauf führt unweigerlich an Grenzen, neu zu entdeckende wie erneut zu überschreitende: wieder in den Prozess, der dem Zentrum nur näherkommt, indem er sich von ihm entfernt.

Im Gedenken an Carlfriedrich Claus folgt comma dieser Spur. In der Sonderausgabe Ko-Artikulationen finden sich Beiträge junger sowie erfahrener Autoren und Künstler versammelt, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen virtueller und experimenteller Poesie auseinandersetzen. Bei der Auswahl der Texte ließen wir uns von einer Frage leiten, die Carlfriedrich Claus einmal so formulierte: „Läßt sich ein durchgehender, nichtlinearer Lese-Prozeß aus Lese-Prozessen, deren jeder au fond autonom verläuft, anregen? Also experimentelles, kombinatorisches Lesen, das mit dem Schluß des Buches nicht endet.“ Darum ist diese Ausgabe auch kein Heft, schon gar kein Buch, sondern eine Mappe. Die Transparenz des Papiers soll den Möglichkeitsspielraum des kombinatorischen Lesens erweitern. Am Untergrund eines jeden Textträgers flüstert immer schon der Nächste. Weil jedoch die Schrift nicht das Zentrum ist, muss das Nadel-Öhr zur gesprochenen Sprache weiter aufgespannt, müssen die Ohrengänge bewandert werden. Wir haben daher einen Tonträger zusammengestellt, um den Weg zu entschränken, den das Geflecht der verborgenen Korrespondenzen auch ins Akustische nimmt. So steht jeder Beitrag für sich, in diesem Zusammenhang aber auch als eine Aufmerksamkeit, die dem Vermächtnis des Künstlers Carlfriedrich Claus gewidmet ist.

In diesem und in dem Sinne des Lesers wünschen wir grenzenloses Vergnügen beim Lesen und Lauschen, anregende und erregende Momente, Besinnung, und einen Augenblick winzigen Schreckens auch.

Katja Barthel & Alexander Friedrich